In the middle of nowhere

Wir müssen irgendwie nach Bad Tölz, notfalls schiebend. Kurze Zeit nach der Kontrolle stelle ich schnell fest, daß diese Entscheidung uns alles abverlangen wird. Es ist stockdunkel doch überall sehe ich LED Rückleuchter von Radfahrern. Diese schlingern wie ein Hochseedampfer hin und her, ein untrügerisches Zeichen, dass die Fahrer im Wiegegtritt versuchen, die Steigungen zu nehmen. Bereits im Vorfeld warnte man mich vor dem Hausham und Hundham, zwei Berge, die es im Rahmen des Brevets zu meistern galt. Auf rund 10km Strecke sind 800hm zu bewältigen. Die finale Steigung geht schnurstracks gerade 2 km bergan, mit 10%. Ich fluche wie die Landser in Stalingrad. Niemand hört mich, mit einer einstelligen Geschwindigkeit schaffen wir die zwei Berge.

Mittlerweile ist die Straße sehr naß. Offensichtlich ging hier einige Stunden vorher ein Regenguß nieder. Für die 60km nach Bad Tölz brauchen wir geschlagene 4 Stunden. Bei km 378 rollen wir mit müden Beinen in die nächste Kontrollstation. Dieser Tankstellenwirt ist doch ungleich freundlicher als der vorherige. Er deutet an, daß es in der abgeschalteten Waschstraße warm sei und dort auch schon andere ein Auge zudrücken. Erneut runde ich großzügig auf und wir schleichen uns nach hinten.

Langstreckenfahrer erkennt man zu dieser Stunde zum einen am einprägsamen Geruch und der Lautstärke des Schnarchens. Hier pennen alle. Im Sitzen, im Liegen, angelehnt an die Wand. Räder an die Wand gelehnt, Notfallwärmedecke übergestreift, Regenüberzieher als Kopfkissen und ab dafür. Binnen 5 Minuten falle ich in einen tiefen und beseelten Schlaf. Unbarmherzig weckt mich mein I-Phone. Wenn eine längere Schlafpause eingelegt wird, raten Langstreckengurus dazu, diese mindestens 3 Stunden zu machen, um nicht aus einer Tiefschlafphase gerissen zu werden. Ein Fünkchen Wahrheit ist dran. Das I-Phone summt unbarmherzig und nach einigen Stunden Pause, wir machen uns weiter auf den Weg. Erfreulicherweise gab es an der Tanke auch noch warmes Wasser um sich halbwegs frisch zu machen, ein starker Kaffee flösste neue Kräfte ein.

Als nächstes Zwischenziel haben wir Landsberg am Lech auf dem Zettel. Mittlerweile haben wir 400km Grenze längst hinter uns gelassen. Wir fahren seit Stunden mehr oder weniger als Duo. Das Wetter ist uns wieder wohl gesonnen, mit leichtem Gegenwind fahren wir Richtung Norden. Da passiert es. Bei km 500 sehen wir vor uns einen der 150 Gefährten. In diesem Augenblick lies das Roadbook einige Fragen offen, wo es denn lang geht. Auch der GPS Navicomputer lieferte nicht wirklich verwertbares. Also, einfach den Herrn fragen, etwas fortgeschrittendes Semester. Der antwortet zu erst gar nicht. Er brabbelt etwas in seinen Bart, „Laßt mich einfach fahren, es geht nur geradeaus, das schaffen wir“. Mittlerweile finden wir die Strecke wieder und lassen den Mitstreiter schnell hinter uns. Kurz vor der letzten Kontrollstation Wertigen erspähen wir ihn erneut. Ich fasse mir ein Herz und spreche ihn laut und direkt an, ob es ihm gut ginge. Nach mehreren Ansprachen hebt er seine Kopf, nimmt alle seine Kraft zusammen und entgegnet „ Ich bin leider nicht mehr ansprechbar“

Wow, es sollte des Ausspruch und der Running Gag dieser Fahrt werden. Wir legen bei Kilometer 548 unser Stempelkarten ein letzes Mal vor. Der Körper sendet mittlerweile einige Signale, daß er die Schnauze voll hat, aber egal, die letzten 6
2km werden wir auch noch schaffen.

Letzte Stärkung bei Metzgerei Mayr, Brötchen mit Leberkäs für nen Preis wo der Großstädter träumt.

Mein Leben auf der Tankstelle. Vor 1 Jahr hätte ich nicht gedacht wie wichtig mal ne Tanke für mich wird.

Natürlich sind Brevetveranstalter ausgewiesene Misanthropen. So gehört es auch für den Kollegen Karl zum guten Ton, nach der offiziellen Strecke von 600km die letzten 20km noch mit einigen Höhenmetern zu garnieren. Eine Rampe, 200 Höhenmetern am Stück OHNE Kurven um mal Luft zu holen ringen uns nicht ganz jungendfrei Schimpfwörter ab.

Ich fahre seit über 200km bereits ohne Tacho, da mein Gerät durch einen Hardwarefehler den Geist bei Bad Tölz aufgeben hat. So muß Simon mir alle 5 Minuten die verbleibenden Reststrecke mitteilen. Die letzen 5 Kilometer zelebrieren wir. Wie dumme pommersche Kartoffelbauern ziehen wir 2km vor dem Ziel noch mal an, erstaunlich wie ein Schwanzvergleich bei dieser Distanz und Länge noch funktioniert. Wir schenken uns nichts außer einen freundschaftlichen Fluch und wissen, dort ist das Vereinsheim. Dort feiern sich bereits die eingetrudelten Randonneure. Jeder ist ein Sieger und so werden wir auch begrüßt. Ich steige aus den Pedalen, bei km 629 hört der Motor auf zu drehen. Wir torkeln in das hell erleuchtete Vereinsheim. Alle Anwesenden beglückwünschen uns ehrlich und herzlich zum Erreichten. Wieder sorgt Familie Weimann für unser Wohlergehen. Spaghetti, diesmal „handmade“ und Weizen MIT Sprit. Großer Sport, ganz großer Sport. Das Weizen schlägt sofort an und ich bedauere bereits durch unseren engen Zeitplan schon bald abreisen zu müssen. Dieser Veranstalter ist echt der Hammer! Wir verabschieden uns herzlich und wissen, daß wir wiederkommen werden. Während der kurzen Zeremonie haben Lena und Timon bereits unsere Maschinen in unser Bluemobil, ein VW Caddy verstaut. Lena schwingt sich ausgeruht hinter das Steuer und zündet den Diesel. Ich klemme mir Coldplay als Endschlosschleife ins Ohr, es dauert keine 3 Minuten.

Im Harz öffne ich kurz die Augen, Lena hat uns sicher durch die Nacht gebracht. Eine Stunde später liefert man mich zu Hause ab. Ich fasse immer noch nicht, was in den letzten 48 Stunden alles passiert ist und lege mir eine Woche totale Radabstinenz auf. Ich fliege am Folgetag direkt mit meiner Familie in den Urlaub. Mit dem Abstand einer Woche, einer guten Flasche Rioja entstanden diese Zeilen.

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